Carolin berichtet aus Jerusalem, März 2026
Carolin Modersohn (Mitte im Bild) lebt mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern in Jerusalem und arbeitet als Honorarkraft für Brass for Peace. im Schuljahr 2015/2016 war sie eine unserer Volontärinnen und ist seitdem bei Brass for Peace aktiv. So beschreibt sie die Situation aktuell:
Heute ist der 21.März, seit 21 Tagen herrscht hier nun schon wieder Ausnahmezustand, keine Schulen, nur Läden/ Büros etc. geöffnet bei denen es Bunker gibt.
Spazieren gehen, auf den Spielplatz oder in den Zoo gehen ist erstmal gestrichen! Und das zermürbendste daran? Die Ungewissheit! Wird es morgen besser oder schlechter? Wann können meine Kinder wieder in den Kindergarten gehenund ich in die Schule? Nächste Woche oder erst in einem Monat? Was soll ich denn online meinen Grundschülerinnen im Musikunterricht beibringen? Welche Aufgaben können Erstklässlerinnen online bewältigen? Und wie geht es mit Brass for Peace weiter?
Grade hatten wir so viele Lichtblicke! Grade hatten wir neue Motivation!Grade hatten wir die Schüler von Level 2 ins Freitagsensemble befördert.
Und jetzt mal wieder Stillstand! Am 27.2 hatten wir noch Probe und ich hatte eine neue Schülerin, sie möchte das schwierigste Blechblasinstrument lernen, weil sie Herausforderungen mag. Gedanklich hatte ich ihr schon Einzelunterricht gegeben und ein Instrument ausgeliehen, stattdessen sind wir jetzt mal wieder Fremdbestimmt! Und das ist frustrierend, es ist ein Gefühl von schon wieder und wann hört es endlich wieder auf! Und zum ersten Mal habe ich Zweifel, Zweifel daran ob es denn je wieder besser wird, ob es wieder gut, wieder normal und vor allem wieder schön werden kann.
Wir sind müde, genervt und haben einfach keine Lust mehr! Schon wieder Sirenen? Noch eine Rakete? Ein Frühwarnsysthem warnt und über die Telefone vor möglichen Angriffen, und statt dass meine Kinder sich fürchten, sagen sie: Was schon wieder Azakat? Den ganzen Tag Azakat, Azakat, Azakat (Sirenen)… Aber Angst ist natürlich auch da, wenn mein Großer sagt, dass er Angst davor hat, dass uns eine Rakete auf die Köpfe fällt und wir alle tot sind und ich ihm sage, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass das passieren wird.
In solchen Momenten bin ich traurig, dass meine Kinder in diesem Land groß werden, in einem Land in dem kein Frieden herrscht. Aber trotzdem bleibt es unser zu Hause, für die Kinder und auch für mich. Es ist nicht immer einfach und nicht immer schön, weder für mich, noch für meine Familie in Deutschland, die sich einfach immer große Sorgen machen, dass etwas passieren könnte. Und grade jetzt sehne ich mich nach Unbeschwertheit, nach Normalität und Frieden, nach einer ganz normalen Probe, einem fröhlichen Zusammensein und netten Gesprächen, einer Tasse Tee, die ich gemütlich trinken kann (ohne Kind auf dem Schoß), ein Telefonat, das ich in Ruhe führen kann und einfach nach Alltag!
Herzliche Grüße aus Jerusalem, Carolin