Bläserarbeit an den Lutherischen Schulen

Brass for Peace entsendet seit 2008 jährlich ein oder zwei Volontäre in die Region Bethlehem (Westbank), um dort an den drei christlichen Schulen Talitha Kumi (Beit Jala), Dar al Kalima (Bethlehem) und der Evangelisch-lutherischen Schule in Beit Sahour Schülern Blechblasunterricht zu geben. Jeder Schüler, der möchte, darf mitmachen: Religion, Alter und Geschlecht spielen dabei keine Rolle. Derzeit gibt es etwa 60 Schüler zwischen 7-19 Jahren, die aktiv dabei sind.

 

Brass for Peace ist mit dem Blechbläserunterricht in jeder der Schulen anders integriert. In Talitha Kumi gibt es mittlerweile richtige Blechbläserklassen. Das heißt, jede Woche steht Blechbläserunterricht als Schulstunde auf dem Stundenplan. Ähnlich ist es auch in Dar al Kalima, wo Unterricht bei Brass for Peace als Wahlpflichtfachgewählt werden kann. In Beit Sahour dagegen wird der Unterricht bei Brass for Peaceals Freizeitangebot nach der Schule angeboten.

Die Volontäre fahren jeden Tag zum Unterrichten in diese drei Schulen. Abhängig vom Leistungsstand und der Anzahl der Schüler findet Einzel- oder Kleingruppenunterricht zwischen 30-45 Minuten statt. Jede Schule stellt einen Aufbewahrungsraum zur Verfügung, in dem Dinge wie Noten, Notenständer oder auch ein „Notfallinstrument“ gelagert werden. Letzteres hilft, wenn die Schüler ankommen und sagen: „Ich habemein Instrument vergessen…“

Am Freitag (freier Tag der Palästinenser) findet der Ensembleunterricht im Gemeindezentrum Dar Annadwa (Weihnachtskirche Bethlehem) statt. Es gibt derzeit drei „Friday Brass“-Gruppen:

  1. die Jungbläser, die erstmal das gemeinsame Spielen in Gruppe erlernen: diese Gruppe besteht aus ca. 6- 10 Schülern. Sobald neue Schüler so weit sind und Lust auf Ensemble haben, werden sie integriert.
  2. die fortgeschrittenen Jungbläser, die schon mehrstimmig musizieren können: in dieser Gruppe werden die Schüler so nach und nach auf die Fortgeschrittene Gruppe vorbereitet, u.a. auch durch eigene kleinere Auftritte. Die Größe der Gruppe schwankt zwischen 5 und 10 Schülern.
  3. die fortgeschrittenen Bläser, die quasi den Posaunenchor bilden: zwischen 15 – 20 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene spielen regelmäßig mit, in den Proben und bei den Auftritten.

Für manche Schüler ist das noch nicht genug, weshalb sie sich zusätzlich noch montags zur „Monday Brass“-Probe in Talitha Kumi treffen. Dort werden dann meist noch anspruchsvollere Stücke in kleinerer Besetzung gespielt.

Alle Schüler, die im Ensemble spielen, haben auch unter der Woche Unterricht, das ist mit einer hohen Verbindlichkeit die einzige Bedingung. Nur die Abiturienten oder älteren Mitglieder, die schon studieren, sind hier ausgenommen, sie haben keinen Einzelunterricht mehr.

Doch nicht nur das gemeinsame Musizieren ist in den Ensembles wichtig. Die Ensemblearbeit wirkt auch noch ganz anders auf die Schüler! – Ensemblearbeit

Brass for Peace baut momentan erst eine „Posaunenchorkultur“ im Heiligen Land auf, weshalb es kaum regionale Bläserliteratur gibt.

Deshalb wird die gleiche „typische“ Posaunenchorliteratur gespielt, die auch in den deutschen Posaunenchören bekannt ist. Beliebt bei den Schülern ist vor allem Literatur aus der Popular-Schiene, doch auch an Händel, Bach und Zeitgenossen hat das Ensemble Spaß.

In den evangelischen Gottesdiensten werden hauptsächlich Choräle aus Deutschland oder Englische Hymnen gesungen. Es gibt aber auch moderne arabische geistliche Lieder, zu denen Brass for Peacedann selbst Sätze schreibt, z. T. auch in Kombination für Blechbläser und Band.

Für die Jungbläserausbildung gibt es eine eigens für Brass for Peace erstellte Jungbläserschule in arabischer und englischer Sprache mit vielen Zeichnungen (©Monika Hofmann). Dies erleichtert gerade zu Beginn die sprachliche Verständigung.

Brass for Peace spielt, wie es zu den Aufgaben von Posaunenchören gehört, regelmäßig in Gottesdiensten in den luth. Kirchgemeinden in Beit Jala, Beit Sahour und Bethlehem. Sowie in der deutschen Gemeinde der Evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem – wenn die Schüler Erlaubnis erhalten, durch die Checkpoints nach Israel zu gehen.

Auch die drei ev.-luth. Schulen, in denen unterrichtet wird, erfreuen sich an den Früchten der Arbeit und fragen regelmäßig an, Anlässe wie die Weihnachts- und Abiturfeiern musikalisch zu gestalten.

Ansonsten wird Brass for Peace auch extern eingeladen, besondere Veranstaltungen zu untermalen. So spielte Brass for Peace schon einige Male im Deutschen Vertretungsbüro Ramallah zum Festakt des Tages der Deutschen Einheit oder gab Konzerte auf öffentlichen Plätzen und im Behindertenheim Lifegate.

Alle Schüler erhalten – gegen eine geringe Leihgebühr – ein Blechblasinstrument von Brass for Peace ausgeliehen. Die Instrumente gehören Brass for Peace und sind entweder gespendete Instrumente jeden Alters, oder Neuanschaffungen.

Außer Waldhörnern – weil diese in einer gemischten Anfängergruppe schwierig zu unterrichten sind – haben wir alles im Programm: Trompeten und Flügelhörner in deutscher und amerikanischer Bauweise, Tenorhörner, Baritone, Euphonien, kleine Bügelhörner, zwei Tuben und jede Menge Posaunen.

Für die Kinder und deren Eltern ist schwer zu fassen, welchen Wert die Instrumente haben und dass man sie sorgfältig behandeln muss. Die größte Hürde ist hierbei die arabische Sprache, denn viele Schüler oder deren Eltern verstehen unser Anliegen auf Englisch kaum. Deshalb haben wir kleine Videos zum Umgang mit Trompeten und Posaunen erstellt, auf Arabisch.

Dennoch geht häufig mal etwas kaputt: eingedellte Trichter („Talitha-Falten”) bleiben eingedellt,abgebrochene Wasserklappen, kaputte Federn und ähnliches dagegen können die Volontäre mit dem vorhandenen Werkzeug noch gut selbst reparieren.

Schwieriger wird es bei offenen Lötstellen, verbogenen Posaunenzügen, festsitzenden/fehlenden Stimmbögen oder gar Löchern im Instrument.

Auch die Hitze und immer staubige Luft birgt Probleme: nicht gespielte Instrumente sitzen ganz schnell fest, egal, wie häufig man sie vorher geölt hat.

Deshalb holen wir für alles, was die Volontäre selbst nicht reparieren können, regelmäßig einen Instrumentenbauer aus Deutschland nach Bethlehem. Er ist dann mehrere Tage damit beschäftigt, die Instrumente wieder gängig zu machen. Entsprechendes Spezial-Werkzeug haben wir in der Zwischenzeit angeschafft.

Die Aufgaben der Volontäre sind sehr vielseitig. Man kann sich das so vorstellen: sie leiten eine kleine Musikschule und unterrichten auch alle Schülerinnen und Schüler.

Unter der Woche fahren die Volontäre nachmittags in die Schulen, um die Schüler einzeln oder in Kleingruppen zu unterrichten. Vormittags wird viel Organisatorisches geklärt: Vorbereitung der Unterrichtseinheiten und Proben, Planung von Auftritten, Verwaltungsaufgaben sowie Telefonate mit Schulleitern, Pfarrern und Eltern. Daneben müssen Rundbriefe geschrieben, arabisch gelernt und reger Kontakt zu den Verantwortlichen nach Deutschland gehalten werden.

Freitags und Montagabend finden die Ensembleproben statt, die auch gut vorbereitet sein möchten. Die Wochenenden sind dann meistens frei, es sei denn,es steht ein Auftritt an. Natürlich bleibt neben der Arbeit auch noch genug Zeit, das Land zu erkunden, Leute kennenzulernen, Freundschaften zu schließen und zu pflegen oder seinen Hobbies nach zu gehen.

Das spannende an der Arbeit ist, dass trotz regelmäßiger Termine jede Woche anders verläuft, so dass eine schöne Mischung zwischen Routine und Spontaneität entsteht. Mit hohem Maß an Eigenverantwortung und Selbständigkeit lässt sich alles meistern. Und für Fragen und zur Unterstützung stehen auch die Koordinatorin Carolin Modersohn, eine Mentorin des Berliner Missionswerkes und das Vereins-Team aus Deutschland zur Verfügung.

 

Da vor allem die jüngeren Schüler kaum Englisch und die Volontäre anfangs noch wenig Arabisch sprechen, ist die Unterrichtssprache eine Mischung aus Englisch, Arabisch, ein bisschen Deutsch und (vor allem) Händen und Füßen.

Damit bei den Anfängern die Sprachschwierigkeiten überwunden werden können, hat Brass for Peaceeine eigene Anfängerschule gestaltet, mit vielen Zeichnungen und wenig Englischem und Arabischem Text.

Die Aufgabe „zuhause üben“ kann nur schwer ins Arabische übersetzt werden – deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die wenigsten unserer Schülerinnen und Schüler zu Hause üben. Und wenn sie es tun, wird es schnell als zu laut oder störend empfunden. Erstaunlicherweise entwickeln sich die meisten Schüler dennoch bläserisch ganz gut.

Der Stellenwert von Musik und eigenem Musizieren ist im Land vergleichsweise gering. Nur wenige, vor allem westlich geprägte arabische Familien,erkennen den Mehrwert des eigenen Musizierens. Insofern ist unser Ziel, den Eltern und Schülern zu vermitteln, dass Musik machen bzw. ein Instrument zu erlernen sich nicht nur auf das instrumentale Lernen beschränkt, sondern sehr viele Fähigkeiten der Schüler begleitend mitentwickelt.

Das Wort „Peace“ ruft in der arabischen Region schnell eine negative Konnotation hervor. Es wird angenommen, dass Brass for Peace mit Israeli zusammenarbeitet – ein Grund, weshalb viele Eltern uns gegenüber sehr zurückhaltend sind und die Kinder nicht mitmachen sollen. Der gesellschaftliche Druck auf die Familien wäre aktuell zu hoch. Wir kommunizieren jedoch, dass wir nur in der Region Bethlehem und in Deutschland aktiv sind. Die Zeit für gemeinsame Projekte zwischen Israeli und Palästinensern ist für uns noch nicht reif.

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Aktuelles: Aus der Region Bethlehem


Katharinas erster Volontärsbrief

16. September 2019  

Ein paar erste Eindrücke meiner Arbeit

Nun bin ich schon seit ziemlich genau vier Wochen in Palästina. Auf der einen Seite habe ich das Gefühl, schon ewig hier zu sein und langsam aber sicher den Alltag zu leben. Auf der anderen Seite bin ich aber auch grade eben erst hier gelandet. Jeden Tag passieren neue Dinge, man trifft neue Menschen und schläft abends erschöpft ein.
[…]

Summercamp 2019

10. Juli 2019  

Das Summercamp fand in diesem Jahr vom 10-21. Juni in Talitha Kumi statt. Zwei Wochen lang trafen wir uns täglich mit 20-25 Kindern von 9.00- 14.00 Uhr. Die Teilnehmenden waren zum Teil schon mehrjährige Schüler des Projekts, aber zusätzlich kamen auch viele neue Kinder, die auf dem Summercamp […]

Erste Hilfe für kaputte Instrumente

1. Juli 2019  

Sönke Vogelsberg reiste im Juni 2019 nach Talitha Kumi

Wie schon im letzten Newsletter kurz erwähnt, gestaltete sich die Suche nach einem Instrumentenbauer, der unsere Instrumente hier von Ort reparieren und überholen wollte und auch die Zeit dafür hatte, als schwierig. Schon seit längerem hatte sich Thomas aus Bremen gemeldet, der dann doch noch kurzfristig absagen musste. Gott sei Dank erlärte sich dann Sönke Vogelsberg Mitte Mai dazu bereit, schon knapp drei Wochen später nach Bethlehem zu kommen und unsere kleineren und auch größeren Probleme an den Schülerinstrumenten zu beheben.
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